MENÜ


Aktuelles
Texte
Archiv
Kontakt


 
Why your revolution is no liberation!
Einleitung aus dem gleichnamigen Reader zum G8 Gipfel 2007 in Heiligendamm.

Why your revolution is no liberation!

Wir richten uns mit diesem Reader gegen gegenwärtig vorherrschende Formen der Antiglobalisierungskritik, an sich im weitesten Sinne als links und antikapitalistisch verstehende Kreise, die immer wieder lauthals herausposaunen, eine andere Welt sei möglich. Wir haben ernsthafte Zweifel, dass diese andere Welt besser verfasst sein wird als gegenwärtig. Und die Antiglobalisierungsbewegung ist derzeit keineswegs marginalisiert, sondern erfreut sich einer breiten Sympathie, die über die bürgerliche Linke bis in die so genannte Mitte der Gesellschaft hinein reicht und auch von Neonazis geteilt wird.

Die Antiglobalisierungsbewegung ist - wie von den ProtagonistInnen spätestens betont wird, wenn Kritik droht - eine heterogene Bewegung, in der sich viele Gruppen und Individuen auf einen Minimalkonsens verständigen. Bei den Gegenaktivitäten zum diesjährigen G8 Gipfel dürfte dieser Konsens jedenfalls darin bestehen, dass die sich treffenden Regierungschefs böse und die Demonstranten und Aktivisten auf der anderen Seite des Zauns die Guten sind. In den letzten Jahren wurde sich - ausdrücklich und implizit - auf einen weiteren Konsens verständigt, um den es hier gehen soll: Die Gegnerschaft zu den USA und Israel, sowie eine strukturell antisemitische Kapitalismuskritik.

In der Abschlusserklärung des Weltsozialforums von Porto Alegre wurde der Solidarität mit dem "palästinensischen Volk" Ausdruck verliehen - kein Wort von Selbstmordanschlägen oder islamischem Antisemitismus. Auf dem Europäischen Sozialforum in Paris bot man dem Islamisten und Antisemiten Tariq Ramadan bereitwillig ein Podium, während Aktivisten, die in einem Flugblatt den Antisemitismus der No-globals kritisierten, angegriffen und des Forum verwiesen wurden. Beim EU-Gipfel in Kopenhagen forderte die dänische Gruppe "Globale Wurzeln" den Boykott Israels, die Ordner trugen Shirts mit der Aufschrift "Burn Israel Burn". Der italienische Globalisierungskritiker Alfonso de Vito verglich im Rahmen von Attac-Veranstaltungen in Deutschland die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit der Räumung des Warschauer Ghettos. Noam Chomsky, der in den Aussagen Robert Faurissons, der Holocaust sei eine zionistische Lüge, keinen Antisemitismus entdecken kann, verfasste zuletzt im Sommer 2006 ein "Manifest", nach dem Israel die Schuld am Überfall der Hisbollah auf den Norden Israels trage, mit dem Ziel, den palästinensischen Staat zu liquidieren. Dieser dümmliche Schrieb, der nicht nur die Tatsache ignoriert, dass es keinen palästinensischen Staat gibt, sondern auch den Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen und die anschließend beginnende Terror-Offensive der Palästinenser nicht zur Kenntnis nimmt, wurde prompt von anderen Idolen der Antiglobalisierungsbewegung unterzeichnet: Naomi Klein, Jose Saramago, Arundhati Roy u.a.. Letztere fiel zuletzt vor allem durch ihre völlig verfehlte Kapitalismusanalyse auf, in der die Globalisierung - gleichgesetzt mit Imperialismus - als eine Verschwörung von "Männern in Anzügen" - Amerikanern versteht sich - begriffen wird, die "wie Heuschrecken durch die Länder ziehen". Nicht zu vergessen der Heilsbringer und Staatschef der No-Globals Hugo Chavez, enger Verbündeter des iranischen Mullahregimes, das derzeit emsig an der atomaren Zerstörung Israels arbeitet und als internationale Galionsfigur des Vernichtungsantisemitismus seinen Ministerpräsidenten vor sich her trägt.

Warum der Hass auf Israel und die Juden? Bei jedem Anschlag auf eine Synagoge oder andere jüdische Einrichtungen wird Israels vermeintlich unverhältnismäßige Militärpolitik als Grund für die Attacke zumindest angedacht. Ein Angriff auf eine Moschee oder einen afrikanischen Einwanderer in Europa wurde dagegen noch nie mit dem Hinweis auf die Politik der muslimischen oder afrikanischen Staaten gerechtfertigt. Warum die Personalisierung des Kapitalverhältnisses? Es sollte seit Marx bekannt sein, dass Kapitalismus keine von einer Handvoll "Männern in Anzügen" inszenierte Veranstaltung, sondern ein totales gesellschaftliches Verhältnis ist. Wir wollen mit diesem Reader dazu beitragen, dass mit diesen Erkenntnissen eine radikale Kritik formuliert werden kann.


Antisemitismus

Judenfeindschaft hat eine lange Tradition. Ursprünglich äußerte er sich vor allem in einer religiös motivierten Ablehnung des jüdischen Glaubens, zunächst durch polytheistische Religionen im alten Rom, später auch durch christlichen und islamischen Monotheismus, die dem Judentum als ihrem eigenen Ursprung in eine Konkurrenz des Aberglaubens getreten waren. Um die Formen der religiös motivierten Judenfeindschaft, den Antijudaismus, soll es im Folgenden jedoch weniger gehen. Es interessiert vielmehr die Frage, warum der Antisemitismus mit dem Beginn der Moderne zur Mitte des 19. Jahrhunderts und trotz des damit einhergehenden sozialen Bedeutungsverlustes der Religionen wieder aufgelebt ist und in der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten entsetzlich kulminierte. Zugleich sollen dabei gegenwärtige Ausformungen des Antisemitismus vor allem im Zusammenhang mit der Kritik an und dem Widerstand gegen Herrschaft betrachtet werden.


Antisemitismus und soziale Spannungen

Der Judenhass zu Beginn der Moderne steht rein äußerlich durch den Bezug auf das gleiche Objekt des Ressentiments in der Tradition des religiösen Antijudaismus und kann sich teilweise hergebrachter Vorurteile und Zuschreibungen bedienen. Innerlich jedoch vollzieht der moderne Antisemitismus einen Bruch mit dem religiös und kulturgeschichtlich motivierten Hass, indem Pogrome und Massenmord zu einem Artikulationsmittel für soziale Spannungen umfunktioniert werden, die mit dem Verhältnis der jeweiligen Gesellschaften zu den Juden unmittelbar nichts zu tun haben. Die Pogrome lösen sich von vermeintlich konkreten Ereignissen, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit als Anlass für antijudaistische Pogrome und Vertreibungen aus ganzen Herrschaftsgebieten dienten, so wurden Juden als Verursacher der Pest gesehen und für angebliche rituelle Kindestötungen und Brunnenvergiftungen verantwortlich gemacht. Der moderne Antisemitismus überlebt mit Juden, aber noch besser ohne sie. Adorno und Horkheimer benannten diesen projektiven Charakter bereits 1947:

"Wenn die Massen das reaktionäre Ticket annehmen, das den Punkt gegen die Juden enthält, gehorchen sie sozialen Mechanismen, bei denen Erfahrungen mit Juden keine Rolle spielen." (1)

Selbstverständlich ist der Konflikt, dem der Antisemitismus entspringt, ein realer. Der innere Zwiespalt und Widerstand, der in antisemitischen Vorurteilen seinen Ausdruck findet, ist das Ergebnis äußerer Wahrnehmung. Entscheidend ist aber, dass der erfahrene Widerspruch, aus dem sich der Judenhass speist, ein gänzlich anderer und unabhängig von seinem Bezugsobjekt ist. Der Antisemitismus ist eine Verschiebungsleistung, die an die Stelle einer als widersprüchlich erfahrenen Wirklichkeit eine Ersatzrealität treten lässt und dadurch den Widerspruch vermeintlich auflöst. Daneben werden die Juden im ausgehenden 19. Jahrhundert im Rahmen pseudowissenschaftlicher Untersuchungen vermehrt als rassisch-biologische Gruppe definiert, die sich neben den ihnen zugeschriebenen Charaktereigenschaften auch durch körperliche Merkmale von der restlichen Bevölkerung unterscheiden würde. Parallel zu dieser Entwicklung wird in die innenpolitische Organisation der Nationen der Rassebegriff eingeführt, die Nationen vermehrt rassisch aufgeladen, in der die Juden allein aufgrund ihrer vermeintlichen biologischen Differenz einen Fremdkörper darstellen und außerhalb dieser Volkskörper, geradezu als eine imaginäre, für die Konstitution des Eigenbildes notwendige Gegenrasse angesehen wurden.


Basics: Tausch- und Gebrauchswert, abstrakte und konkrete Arbeit

Die Organisation und stetige Ausweitung des Warenhandels seit dem ausgehenden Mittelalter führte für die Produzenten zu grundsätzlichen Umbrüchen. Bauern und die Mehrheit der Handwerker wurde durch Ausweitung geld- und marktwirtschaftlicher Prozesse ihrer im Wesentlichen autarken Subsistenzwirtschaft beraubt. Gleichzeitig wurden sie dem unmittelbaren Abgabezwang an und der unmittelbaren personalen Herrschaft durch den Feudalherren entzogen und in das Marktgeschehen integriert. Es begann eine Spezialisierung zur Steigerung des Ertrags, die dazu führte, dass die nicht mehr selbst produzierten Güter durch Kauf oder Tausch auf dem Markt erworben werden mussten. Hier beginnt der historische Weg der Reduktion der eigenen Produktion, bis nur noch die abstrakte Ware der eigenen Arbeitskraft bleibt - die Entstehung der Arbeiterklasse. Die wesentlichen Vorteile der arbeitsteiligen Spezialisierung, die Steigerung von Produktivität und Qualität der Produktion als Grundvoraussetzung für ein von Notwendigkeiten befreites Leben, bleiben den Produzenten jedoch vorenthalten. Eine erhöhte Produktivität wird nicht in kürzere Arbeitszeiten umgesetzt, sondern führt nach den Gesetzen kapitalistischer Warenproduktion zu einer Wertminderung der Waren. Sofern für den Produzenten daraus überhaupt noch ein Wertzuwachs resultiert, steht dieser jedenfalls in keinem direkt proportionalen Verhältnis zur Größe des Mehrproduktes.

Die marktwirtschaftlichen Regeln und Gesetzmäßigkeiten lassen neben den Gebrauchswert der zu Markte getragenen Gegenstände den Tauschwert treten, eine abstrakte und stets Schwankungen und Veränderungen unterworfene Eigenschaft. Sobald Gegenstände nicht mehr zum Gebrauch, sondern in erster Linie zum Tausch hergestellt werden, wird ihr praktischer Nutzen für den Produzenten sekundär, von Interesse ist vor allem, wie viel andere Gegenstände er für den seinen erhalten kann. Das Äquivalentverhältnis ist das bestimmende, die Gegenstände werden zu Waren, zu für den Tausch bestimmten Gütern. Mit der Entwicklung des Kapitalismus wird die Ware zur typischen Gestalt des Reichtums.

Haben die Waren den Doppelcharakter des Gebrauchs- und Tauschwerts, muss dies auch für die sie erzeugende Arbeit gelten. Die Arbeit produziert nicht mehr nur den konkreten Gegenstand, sondern stellt einen Wert her. Da alle Waren zu einander in einem Äquivalentverhältnis stehen, steht auch jede warenerzeugende Arbeit in einem solchen Verhältnis. Die Arbeit produziert neben der Ware einen Wert in Abstraktion von der konkreten Gestalt der Arbeit. Sie erhält daher ebenfalls einen Doppelcharakter: sie ist konkret (die Ware erzeugend) und abstrakt (den Wert erzeugend).


Ob Ich-AG oder Großkonzern

Dieser dem Kapitalismus wesenseigene Doppelcharakter von Arbeit und Waren liegt aber keineswegs offen zu Tage, er besteht unabhängig von der Kenntnis der Menschen. Mit dem Hinzutreten des Geldes scheint vielmehr die abstrakte Seite der Waren und damit der Arbeit veräußert zu werden. Die Waren und damit die Arbeit wird auf ihren Gebrauchswert bzw. ihre konkrete Eigenschaft reduziert. Das Geld stellt sich als einziger Ort des Wertes dar, als Manifestation des Abstrakten. Die in Arbeit und Waren bereits notwendig angelegten gesellschaftlichen Verhältnisse werden so verschleiert: Die Waren erscheinen als rein objektive, konkrete Gebrauchsgegenstände, während sich in der abstrahierten Form des Geldes die Wertform und damit die gesellschaftlichen Verhältnisse zu manifestieren scheinen. Die Gegensätzlichkeit von Abstraktem und Konkretem, welche die entfremdeten gesellschaftlichen Beziehungen des Kapitalismus bestimmt, wird vermeintlich aufgelöst, die beiden einander bedingenden Gegensätze getrennt.

Die so in Form des Geldes als konkret wahrgenommene abstrakte Seite kapitalistischer Vergesellschaftung wird oftmals als das Wesen des Kapitalismus schlechthin angesehen und damit zum Ziel der Revolte gegen die als unerträglich erfahrenen Zustände. Im Geld und damit im Wert wird immer wieder der Grund von Ausbeutung und wirtschaftlicher Not gesehen, während die Waren als natürliche Gebrauchsgegenstände davon unabhängig zu existieren scheinen. Mit der insbesondere von den Nationalsozialisten gepredigten Entgegensetzung von natürlichem, "schaffendem" Kapital und dem als künstlich und zersetzend abgelehnten "raffenden" Kapital, wird der Gegensatz von im Geld verselbstständigtem Wert und konkreter Arbeit, sowie der notwendige Zusammenhang von Wert- und Warenform verschleiert. Zugleich wird eine Beseitigung der dem Kapitalismus eigenen Missstände durch die Beseitigung nur einer Seite der Medaille vorgeschlagen. Weiterhin wird durch diese Aufspaltung des Zusammenhangs von Wert- und Warenform, von konkreter und abstrakter Arbeit der Weg für eine Personalisierung der Kritik des Kapitalismus frei gemacht. Es lassen sich nunmehr die allein mit Finanzkapital wirtschaftenden Unternehmen und Wirtschaftszweige für die tatsächlich erlebte Misere verantwortlich machen: Banken und Börse werden zu den Hauptangriffspunkten der Kritik, im Zweifel tut es aber auch ein international agierender Großkonzern, sicher ist, dass der Handwerksbetrieb mit allem Elend nichts zu tun hat.

Zwischen lokalen Handwerksbetrieben, der Deutschen Bank und DaimlerChrysler bestehen nur auf den ersten Blick wesentliche Unterschiede. Alle folgen dem gleichen Prinzip, der kapitalistischen Wertschöpfung, sie unterscheiden sich lediglich in ihrem wirtschaftlichen Erfolg und den dadurch resultierenden Einflussmöglichkeiten. Eine auf die big players beschränkte Kritik des Kapitalismus geht an der Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse vorbei und verschleiert diese vielmehr noch, indem sie einen konkreten Sündenbock präsentiert, der auch als Gegenstand für die Gewalt der antikapitalistischen Revolte taugt. Das Wesen des Kapitalismus als abstraktes und totales gesellschaftliches Verhältnis wird hinter der falschen Konkretisierung verborgen und damit auch einer grundsätzlichen, radikalen Kritik entzogen.


Der Antisemitismus der antikapitalistischen Revolte

Mit der Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung wird zudem die Struktur des modernen Antisemitismus geschaffen: Wert, Geld und Handel als abstrakte, heimatlose und ausbeuterische Formen werden bestimmten Personen zugeschrieben: Bankiers, Bonzen, Kapitalisten. Der Schritt zur Konkretisierung des Antisemitismus, zum Juden, ist dann nur ein kleiner, den die meisten Globalisierungskritiker bisher nicht vollziehen. Aber die Assoziation liegt aufgrund der seit dem Mittelalter tradierten Vorurteile, der Jude sei ein heimatloser Krämer, Wucherer und Ausbeuter, so offen auf der Hand, dass sie vielfach nicht ausgesprochen werden muss. Die Nationalsozialisten taten es und begründeten mit dem Kampf gegen das "raffende" jüdische Kapital die Ermordung von sechs Millionen Menschen in einem industriell organisierten Verfahren. Vom Standpunkt einer falschen Kapitalismuskritik, die bei der Kritik der abstrakten Seite kapitalistischer Wertschöpfung stehen bleibt und diese in Gestalt von Banken, Kapitalisten, Großkonzernen - in dieser Denkart also die Juden - angreift, ist dies nur folgerichtig.

Die antikapitalistische Revolte gegen die abgespaltene abstrakte Seite kapitalistischer Wertschöpfung ist damit strukturell antisemitisch. Das Pogrom ist bereits angelegt. So deprimierend es auch sein mag, antikapitalistische Kritik muss stets auf das Ganze zielen und die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse im Blick behalten. In diesen sind Kapitalisten nichts anderes als eine andere Form der Arbeiter, nicht besser, nicht schlechter. Natürlich soll die Existenz von Klassen und die ihnen immanenten Herrschaftsverhältnisse damit nicht negiert werden, nur tragen sie alle gemeinsam zum Fortbestehen des Systems bei. Jede und jeder ist, unabhängig vom Einkommen und den wirtschaftlichen Verhältnissen in denen er oder sie lebt, lediglich ein Rädchen im Getriebe. Es gibt kein Entkommen: nicht durch den Einkauf bei einer lokalen Kooperative statt bei H&M, nicht durch autonome Suppenküchen anstelle von McDonald's.


Es geht um Israel

Seit dem 6-Tage-Krieg hat sich in der Linken Europas und auch darüber hinaus eine neue Form des Antisemitismus entwickelt und festgesetzt, dessen Ausgangspunkt die Kritik an Israel ist. Wesentlich für diese Ideologie ist, dass ihr Antisemitismus versucht, sich als Antirassismus darzustellen, indem er Israel als vermeintlich rassistischen Staat angreift. Im antiisraelischen, also antizionistischen Antisemitismus finden islamistischer, neo-faschistischer, demokratischer und globalisierungskritischer Antisemitismus einen gemeinsamen Nenner. Die vorgeschobene antirassistische Legitimation unter antizionistischer Camouflage erlaubt die Integration des Antisemitismus nach der Shoah auch in linke und universalistische Ideologien unter Missbrauch eines dringend notwendigen Antirassismus, der sich nicht kulturrelativistisch gerieren sollte.

Der Zionismus bezeichnet die jüdische Nationalbewegung, die sich in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entwickelte. Maßgeblich waren Theodor Herzls Schrift "Der Judenstaat" von 1896 und der Erste Zionistenkongreß 1897 in Basel. Das Ziel der Zionisten war die Gründung eines jüdischen Nationalstaates als Reaktion auf die anhaltende Judenfeindschaft, die nach der Entstehung bürgerlicher Nationalstaaten und dem damit verbundenen Gleichheitsversprechen an deren Bürger nicht zurückging. Die Hoffnung der Juden auf eine Emanzipation und das Ende von Ressentiments und Verfolgung schwand in dieser Zeit zusehends. Der Zionismus stellt insofern eine konsequente Reaktion auf den Antisemitismus dar, der mit dem Anwachsen der Judenverfolgung in Deutschland in den 1930er Jahren zu einer jüdischen Massenbewegung wurde und schließlich 1948 in der Gründung des Staates Israel mündete. Die Schaffung eines jüdischen Staates, in dem Juden vor Antisemitismus weitgehend sicher sein und die Möglichkeit haben sollten, sich gegen diesen militärisch wirksam zu verteidigen, war eine notwendige Konsequenz der Judenverfolgung, die im industriellen Massenmord der Deutschen an sechs Millionen Juden einen grauenhaften Höhepunkt fand. Die Gründung des Nationalstaates Israel war zudem die einzig realisierbare Konsequenz in einer Welt, die nicht bereit war die Ursachen des Antisemitismus ein für alle mal zu beseitigen. Die Vernichtung der europäischen Juden erfolgte dabei nicht aus der mörderischen nationalsozialistischen Kriegs- und Besatzungspolitik, sie war Selbstzweck in einer maßgeblich vom Hass auf Juden angetriebenen Ideologie. Für jede Form emanzipatorischer Politik, die eine Überwindung der Zustände, die Auschwitz möglich gemacht haben und die Einrichtung von Verhältnissen sucht, in denen der Mensch dem Menschen ein Freund ist, ist der Bestand des jüdischen Staates die Grundlage. Allein die Existenz Israels kann in einer nationalstaatlich formierten Welt das Überleben der Juden gewährleisten, auch wenn man aus guten Gründen sonst das Konstrukt der Nation ablehnt. Mit anderen Worten: Antifaschistische Politik ist ohne Solidarität mit Israel nicht zu haben.

Nicht zuletzt deshalb wurde schon der bloße Plan eines jüdischen Staat von allerlei Antisemiten angegriffen. Die Juden könnten nur als Dritte, gleichsam als Parasiten, in und von anderen Nationen leben. Sie könnten keinen eigenen Nationalstaat bilden, weil sie zu einer Gemeinschaft nicht fähig seien, vielmehr verkörperten sie eine durch Eigennutz, Geld, Macht, Ausbeutung und Internationalismus geprägte Gesellschaft, die allein nicht lebensfähig sei. Diese Stereotypen, mit denen Fähigkeit und Berechtigung der Existenz Israels verneint werden, leben heutzutage in den gebetsmühlenartig wiederholten Verweisen auf die innere Zerrissenheit Israels und der Israelis fort: Wenn etwa vor der Räumung der Siedlungen im Gaza-Streifen immer wieder ein innerisraelischer Bürgerkrieg heraufbeschworen wird. Eine Wunschvorstellung, die durch den tatsächliche Ablauf des Rückzugs als solche entlarvt wurde, wird doch Israel seit 2005 keineswegs durch innere Spannungen erschüttert, sondern vielmehr unvermindert von den vermeintlich siegreichen Antisemiten im benachbarten Ausland - vor allem von der im Libanon agierenden und von Syrien & dem Iran finanzierten Hisbollah - angegriffen.

Vor dem Hintergrund der vermeintlichen Unfähigkeit der Juden einen Staat zu bilden, konnte Israel von Antisemiten jeder Spielart nie als normaler Nationalstaat verstanden werden. Man setzte und setzt seinen Namen in Anführungszeichen, schreibt vom "so genannten Staat" und stellt ihn am liebsten als imperialistisches Bollwerk dar, erweitert durch die Behauptung, ein jüdischer Staat sei eigentlich nur eine internationalistische Machtbasis. Die Zionisten seien unter den amerikanischen Monopolisten zahlreich vertreten und dienten dem amerikanischen Imperialismus. Diese Verknüpfung von Israel bzw. Juden mit den USA als Chiffre für eine vermeintlich besonders brutale Modernisierung und als Inbegriff des Kapitalismus, verdeutlicht die Nähe von Antisemitismus und Antiamerikanismus.


Antizionismus ist Antisemitismus

Wesentlich für den antizionistischen Antisemitismus, der die Schwächung und letzten Endes Vernichtung des jüdischen Staates zum Ziel hat, ist zudem die Ersetzung des "Juden" durch den "Zionisten" der mit dem "Imperialisten" oder "Rassisten" gleich gesetzt wird. So lässt sich inhaltlich an die antisemitische Tradition der Gleichsetzung der Juden mit dem Kapitalismus anknüpfen, zugleich aber bedient man sich eines Vokabulars, das auch abseits nationalsozialistischer und islamistischer Zusammenhänge verkehrsfähig ist. Ein besonders dreistes Beispiel bietet die Zeitschrift der Botschaft der UdSSR in Paris, die 1972 Auszüge aus einem antisemitischen Text von 1906 wieder publizierte, dabei aber einfach die Wörter "Jude" und "Zionist" austauschte. Diese Verschleierung war insbesondere nach der Shoah notwendig, um sich selbst vor dem Vorwurf des Antisemitismus zu schützen und den Antizionismus politisch links zu etablieren.

Vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Judenvernichtung stand jeder Antisemit vor dem Problem, seine Einstellung rechtfertigen zu müssen. Da eine offene Leugnung des Holocaust für die Linke nicht in Frage kommt - wenngleich dieser neuerdings, sofern sie von Islamisten formuliert wird, nicht mehr entgegen getreten wird - vollzieht man eine Täter-Opfer-Umkehr, in dem den Juden unterstellt wird, aus dem Holocaust Kapital zu schlagen. In die gleiche Richtung zielt die Charta der Hamas, in der es in Art. 22 heißt, die Juden hätten den zweiten Weltkrieg angezettelt, um die Gründung des eigenen Staates vorzubereiten. 2001 behauptete Ayatollah Khamenei, dass es Dokumente gibt, die eine enge Zusammenarbeit von Zionisten und Nazis nachweisen, um mit falschen Zahlen über die Opfer des Holocaust Sympathie für Israel zu wecken.

Auch in der westlichen Linken werden Symbole und Vokabeln, die eindeutig im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust stehen immer wieder zur Diffamierung Israels genutzt. In zahllosen Flugblättern wird vom "Vernichtungskrieg Israels gegen die Palästinenser" schwadroniert, der jeweilige israelische Ministerpräsident mit Hitlerbart versehen, Davidstern und Hakenkreuz in eins gesetzt oder zahlreiche andere Gleichsetzungen von Juden und Nazis vollzogen.

Mit diesen inhaltlich absurden Vergleichen geht eine nahezu pathologische Fixierung der Linken auf Israel einher. Kein Konflikt der Erde hat die gleiche Aufmerksamkeit wie die Auseinandersetzungen Israels mit Palästinensern und Nachbarstaaten. Islamische mordende Milizen im Sudan, Bombenattentäter in Afghanistan, Pakistan oder im Irak, religiöse Fanatiker in Indien, Pogrome gegen Andersgläubige in Indonesien - das alles erregt keinerlei Aufmerksamkeit innerhalb der Linken. Wenn aber Israel, wie im Sommer 2006, nach Angriffen der Hisbollah im Südlibanon einmarschiert und sich vier Wochen lang einen Krieg mit der klerikalfaschistischen Söldnertruppe des Iran liefert, so werden im Handumdrehen Demonstrationen und Kundgebungen organisiert und alte Flugblätter aufpoliert, um die Öffentlichkeit gegen die Selbstverteidigung der Juden in Stellung zu bringen. Eben solchen Eifer erzeugt die Errichtung eines Zauns zwischen Israel und der Westbank, durch den Terroristen gehindert werden sollen, ihre Ziele in Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und anderswo zu erreichen, wobei mit der organischen Metapher, die Sperranlage "schneide tief in palästinensisches Gebiet ein", immer wieder die biologistisch-reaktionären Wahnvorstellungen der VerfasserInnen vom Volkskörper und dem Land als dessen Lebensraum zum Ausdruck kommen.


Arm = gut, reich = böse

Die überwältigende Sympathie mit Palästinensern und den um Israel herum lebenden Arabern ist auch auf einen falsch verstandenen Marxismus zurück zu führen, der dem Armen bedingungslose Solidarität zu Teil werden lässt und ihn als revolutionäres Subjekt verehrt. Der Reiche ist hingegen stets der Ausbeuter, den es zu bekämpfen gilt. Mit einem solchen Ausgangspunkt lässt die Güterverteilung zwischen Israel und Palästinensern bzw. Arabern nur den Kampf gegen die Juden als richtig erscheinen. Dabei werden Widersprüche und Klassenunterschiede in den arabischen Gesellschaften ignoriert, vor allem aber wird eine fortschrittliche Gesinnung materiell Benachteiligter herbeihalluziniert. Jeder noch so barbarische Anschlag wird so durch den Hinweis auf die schlechten Lebensbedingungen, verletzten Stolz und Zorn auf die "Besatzungsmacht" legitimiert, ohne dass die dahinter stehende Ideologie von Todessehnsucht, Selbstaufgabe und einer Volksgemeinschaft, deren Ziel vor allem die Vernichtung der Juden ist, hinterfragt wird. Die Orientierung am "Arm=gut-reich=böse"-Schema verstellt den Blick auf die Realität und macht eine Kritik des islamistischen Wahnsinns unmöglich. Politik muss sich aber immer an ihren Mitteln und Zielen messen lassen. Wenn Selbstmordattentate das Mittel und die Vernichtung Israels und damit weiterer sechs Millionen Juden oder auch "nur" zur Errichtung einer judenfreien Zone in Gaza und der Westbank das Ziel sind, dann läuft diese Politik jeder gesellschaftlichen Emanzipation zuwider.

Die Entschuldigung von Selbstmordattentaten und islamistischen Mörderbanden als Akte und Akteure des Widerstandes haben auch mit der eigenen Machtlosigkeit der westlichen Linken zu tun. Angesichts der eigenen Bedeutungslosigkeit und des eigenen Unvermögens etwas zu verändern, habe sich viele von der Macht der anderen und der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen. Jeder Idiot, der eine Waffe in die Hand nimmt, wird zum Gegenstand der Projektion der romantisierten Vorstellung des Guerilla-Kampfes gegen "die Herrschenden". Die Entschlossenheit und Todesverachtung beeindruckt so sehr, dass es auf Motive und Inhalte nicht mehr ankommt, die "nationale Befreiung" wird zum Selbstzweck. Angesichts Dutzender sich ständig neu entdeckender Ethnien und anderer Folkloregruppen vermag aber auch der Militanzfetisch der Linken die Fixierung auf Israel nicht hinreichend zu erklären. Im Ergebnis kann wohl nur die Konzentration des Antisemiten auf das Objekt seiner Begierde die immense Kritik, die jede Aktion Israels nach sich zieht, erklären.

Eine linke Politik, die diesen Namen auch verdient hat, muss neben einer Kritik der eigenen Fehler auch eine Auseinandersetzung mit den reaktionären Befreiungsbewegungen leisten. Nach der Shoah als dem exzessivsten Zivilisationsbruch der Geschichte, als Gegenpol jeder emanzipatorischen Bewegung, verbietet sich eine Parteinahme für die Gegner Israels aus antifaschistischem Grund.

"Israel ist der Staat, dessen ganzer Zweck der Schutz jüdischen Lebens ist. Verlören die Juden ihn, wären sie erneut den Launen der Antisemiten und anderer Proletarier aller Länder preisgegeben. Wer staatliche Herrschaft angreifen will, hat weltweit zweihundert Stück zur Auswahl. Eine Linke, die aus eigener Kraft so gut wie nichts mehr vermag, sollte wenigstens alles unterlassen, was Israel im Kampf um seinen Bestand behindern könnte." (Gremliza, konkret 5/02)


When worst comes to worst

Dort wo sich verkürzte Kapitalismuskritik, das Ideal einer (klerikal-faschistischen) Volksgemeinschaft und Militanzfetisch zu einem mörderischen Hass auf Israel und die USA im Besonderen und den Westen im Allgemeinen verbinden, steht derzeit der Islamismus. Die partielle Nähe zum deutschen Nationalsozialismus wird spätestens mit der offensiven Leugnung des Holocaust und der Einladung international bekannter Neo-Nazis zu einer Konferenz mit diesem Gegenstand nach Teheran offenbar. Durch die Leugnung wird der Holocaust wieder möglich, da bei seiner Nichtexistenz die Konsequenzen aus der Shoa nicht gezogen werden müssen. Letztendlich stellt die offensive Leugnung durch den Iran also eine Legitimation des Holocaust dar.

Aber diese Affinität ist keine Neuheit, so war der Mufti von Jerusalem enger Verbündeter Hitlers im Kampf gegen das Judentum. Die Gründe dieser Allianz sind dann auch nicht nur strategischer, sondern auch inhaltlicher Natur: Islamismus und Nationalsozialismus beziehen sich jeweils im Ausgangspunkt auf eine als organisch und frei von Widersprüchen imaginierte Gemeinschaft - auf der einen Seite die Volksgemeinschaft, auf der anderen die der Umma - die vor allem durch äußere Einflüsse bedroht wird. Dies ist vor allem die als "dekadent" diffamierte individualistische und hedonistische ("westliche") Lebensweise, die den Einzelnen in die Irre von Genuss und Lebensfreude führt und seinen Einsatz für und die Unterwerfung unter das Kollektiv unterminiert (und dessen Agenten die Juden sind). Das Primat der Gemeinschaft, Arbeitsfetisch und Askese widersprechen der emanzipatorischen individuellen Selbstverwirklichung und dem kommunistischen Ziel des Wohlstandes und der freien Entfaltung aller. Dennoch erfreut sich die islamistische Internationale der Unterstützung und Sympathie vieler sich als links verstehender Gruppen die ihrerseits ihre Wünsche und Projektionen durch die Terrorbanden, sei es nun Hamas, Hisbollah oder Al-Kaida verwirklicht sehen. "Nebensächlichkeiten" wie die Entrechtung und Unterdrückung der Frau, der Hass auf Schwule und Lesben und nicht zuletzt der fanatische Antisemitismus werden dabei bewusst ignoriert. Für solche Gruppen kann es aber in einer fortschrittlichen Bewegung keinen Platz geben, sie sind ebenso entschlossen zu bekämpfen wie die anderen Verbündeten des Islamismus: europäische Neonazis.

Natürlich sind die Antiglobalisierungsbewegung und die islamistische Bewegung keineswegs in eins zu setzen, allerdings gibt es durchaus ideologische Berührungspunkte, die sich (leider) nicht in letztlich rassistischen verständnisvollen Verweisen auf vermeintliche Beleidigungen der islamischen Kultur durch den Westen für jeden islamistischen Gewaltausbruchs erschöpft. Vielmehr werden die ideologischen Gemeinsamkeiten mit dem islamischen Terror von Teilen der westlichen Linken vermehrt entdeckt und propagiert, mit der Kampagne "10 Euro für den irakischen Widerstand" europäischer Antiimperialisten hat sich die geistige Nähe bereits zu einer handfesten Zusammenarbeit ausgeweitet. Der Widerspruch auf solche Bestrebungen oder auch der verherrlichende Bezug auf andere antisemitische Mörderbanden findet innerhalb der Bewegung daher dann auch erschreckend wenig entschlossenen Widerspruch. Kritische Stimmen verstummen meist schnell um die Mobilisierungsfähigkeit vor Events wie dem G8-Gipfel, der die ihm zugeschriebene Omnipotenz nur in der falschen Analyse besitzt, nicht zu gefährden.

Solange aber eine falsche Kapitalismusanalyse und damit auch Kritik vorherrscht, solange kann die Antiglobalisierungsbewegung in all ihren Schattierungen leider nicht als Schritt in die richtige Richtung, also zur Realisierung des "Vereins freier Menschen" verstanden werden, sondern muss als reformistische, zumeist staats- und politikfixierte Bewegung aufgefasst werden. Dieser wohnt dann, wie zuvor ausgeführt, das Potential zur reaktionären Barbarei inne, welches jederzeit ausbrechen kann. Wer es aber mit der Umwerfung der bestehenden Verhältnisse ernst meint, muss die Totalität des Kapitalismus anerkennen und nicht nur die Zirkulationssphäre, sowie Großkonzerne an den Pranger stellen. Wir wollen mit dieser Broschüre jenen dringend notwendigen Schritt vorantreiben und wünschen eine fruchtbare Lektüre.



(1) Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M. 1969, S. 210.


MAD Köln 2007 | Disclaimer